

Jenseits der Buzzwords: Worum es bei Agile wirklich geht
Von Nico Schellingerhout und Jeroen Jan Elzinga Agile. Ein Begriff, der einst Transformation versprach – und heute oft nur noch


Leestijd
Eine Zusammenfassung des Webinars: Strategisches Portfolio Management – was Organisationen von den VCs aus Silicon Valley lernen können. Vom 17. Juni 2026.
Viele Organisationen haben ihre Strategie inzwischen sauber in Themen, Roadmaps, Jahrespläne und Portfolio-Meetings übersetzt. Auf dem Papier wirkt die Richtung klar. Trotzdem bleibt Priorisierung in der Praxis oft ein wiederkehrendes Problem.
Das liegt selten an einem Mangel an Ideen. Und auch nicht daran, dass Führungskräfte keine Verantwortung übernehmen wollen. Das Problem steckt meist in der Art und Weise, wie Investitionsentscheidungen getroffen werden.
In einem Portfolio-Meeting bringt jeder seine eigene Perspektive mit. Die einen sehen dringenden Bedarf bei Infrastruktur, Compliance oder Kostensenkung. Die anderen wollen in Customer Experience, Produktentwicklung oder neues Wachstum investieren. Beide Argumente können stimmen. Beide können zur Strategie passen.
Genau da entsteht die Spannung. Wenn sich jede Initiative strategisch begründen lässt, wird „Passt das zur Strategie?“ zur schwachen Frage. Fast alles passt irgendwie. Die schwierigere Frage ist: Welche Investition schafft jetzt den größten Mehrwert, angesichts der Risiken, der Kapazitäten und der aktuellen Entwicklungsphase der Organisation?
Genau dieses Spannungsfeld stand im Mittelpunkt des Webinars „Investing in Success“. Strategische Themen geben Orientierung, schaffen aber nicht automatisch Alignment. Starke Portfolio-Teams verstehen nicht nur ihre eigenen Prioritäten – sie verstehen auch, warum andere zu anderen Entscheidungen kommen.
Damit verschiebt sich Portfolio Management von reiner Budgetverteilung hin zu gemeinsamer Urteilsbildung.
Strategisches Portfolio Management dreht sich um die Frage, wohin Zeit, Geld, Kapazitäten und Aufmerksamkeit fließen. Das klingt einfach, aber in vielen Organisationen wird das Portfolio noch immer wie eine Liste von Projekten behandelt, die bewertet, priorisiert und finanziert werden muss.
Dieser Ansatz greift zu kurz.
Ein gutes Portfolio ist keine Ansammlung einzelner Initiativen. Es ist ein Investitionssystem. Es zeigt, welchen Wert die Organisation kurzfristig realisieren will, welche Optionen sie für die Zukunft offenhält und was gezielt zurückgefahren werden sollte.
Im SAFe- oder agilen Kontext berührt das direkt Lean Portfolio Management. Dabei geht es nicht nur darum, neue Initiativen zu starten, sondern auch darum, Kapazitäten freizumachen. Genau das erweist sich oft als schwierig. Altsysteme, technische Schulden, laufende Programme und historische Verpflichtungen binden weiterhin Ressourcen, selbst wenn ihr strategischer Wert sinkt.
Organisationen, die sich wirklich erneuern wollen, müssen nicht nur besser darin werden, was sie starten. Sie müssen auch konsequenter entscheiden, was sie stoppen.
Viele Organisationen nutzen das Three Horizons-Modell. Horizon 1 steht für die Stärkung des bestehenden Geschäfts. Horizon 2 für die Entwicklung neuer Chancen. Horizon 3 für künftige Angebote, Technologien und Geschäftsmodelle.
In IT-Umgebungen gibt es eigentlich noch eine vierte Kategorie: Horizon Zero.
Das sind Systeme, Prozesse und Initiativen, die vor allem Kapazität binden, ohne noch wesentlich zur Strategie beizutragen. Denken Sie an Legacy-Applikationen, alte Integrationen, manuelle Prozesse oder Projekte, die einmal sinnvoll waren, inzwischen aber vor allem Komplexität erzeugen.
Im Webinar wurden solche Systeme als „Zombie Systems“ bezeichnet: nicht wirklich lebendig, aber auch nicht tot. Sie schlucken weiterhin Budget, Aufmerksamkeit und knappe Expertise.
Das ist eine unbequeme Realität für Organisationen, die in KI, Innovation oder neue digitale Angebote investieren wollen. Neue Ambitionen werden oft einfach obendrauf auf bestehende Komplexität gelegt. So entsteht das Paradox, dass alle erneuern wollen, während ein Großteil der Kapazität in Wartung und Abbau gebunden ist, der nie explizit finanziert wird.
Wer Horizon 3 ernst nimmt, muss auch bereit sein, Horizon Zero anzugehen. Erneuerung beginnt manchmal mit Aufräumen.
Venture-Capital-Logik nach Silicon-Valley-Vorbild lässt sich nicht eins zu eins auf das Corporate Portfolio Management übertragen. Dafür sind Kontext, Governance und Risikobereitschaft zu unterschiedlich. Trotzdem steckt in der Art, wie VCs auf Portfolios schauen, eine wertvolle Lektion.
Ein Venture Capitalist weiß, dass nicht jede Investition erfolgreich sein wird. In einem Portfolio werden einige Unternehmen scheitern, andere solide performen und wenige außergewöhnlich gut abschneiden. Das erfordert eine andere Art der Finanzierung. Nicht alles bekommt sofort maximales Budget. Investiert wird schrittweise, auf Basis von Fortschritt und Nachweisen.
Das ist für Organisationen relevant, besonders bei Innovation und Horizon-3-Initiativen. Dort lässt sich vorab oft nicht mit Sicherheit sagen, welchen Ertrag sie bringen. Dennoch werden solche Initiativen im Corporate-Umfeld regelmäßig so bewertet, als müsste Erfolg im Voraus bewiesen werden.
Das wirkt lähmend. Die Folge: Sichere, vorhersehbare Initiativen gewinnen gegenüber strategisch wichtigeren Experimenten.
VC-Denken bedeutet nicht, dass Organisationen leichtfertig investieren sollen. Es bedeutet, dass sie kleiner starten, explizite Annahmen formulieren und weitere Finanzierung vom Nachweis von Fortschritt abhängig machen können. Erst eine begrenzte Investition. Dann lernen. Dann skalieren, anpassen oder stoppen.
Der Kern ist einfach: Finanzieren Sie nicht nur Ideen, sondern Fortschritt.
Ein häufiger Fehler in Portfolio-Meetings ist, dass alle Initiativen nach denselben Kriterien bewertet werden. Ein Kostenreduzierungsprogramm, eine Security-Investition, ein KI-Experiment und ein Legacy-Abbauvorhaben landen auf derselben Liste und werden dann mit derselben Business-Case-Logik abgewogen.
Das wirkt effizient, macht die Entscheidungsfindung aber genau dadurch trüb.
Eine Horizon-1-Initiative darf oft an vorhersehbarem Wert, kurzer Amortisationszeit und operativer Verbesserung gemessen werden. Bei einem Horizon-3-Experiment ist das anders. Da geht es um Lernen, das Schaffen von Optionen und die Reduzierung von Unsicherheit. Horizon Zero erfordert wiederum eine andere Perspektive: Hier investiert man in Abbau, um künftige Kapazitäten freizumachen.
Wer diese Initiativen am selben Maßstab misst, belohnt in der Regel die vorhersehbarste Arbeit. Nicht unbedingt die strategisch wichtigste.
Ein stärkerer Portfolioprozess beginnt daher mit der Budgetzuweisung nach Horizont. Zunächst legen Sie fest, welcher Anteil des Investitionsbudgets auf Exploitation, Erneuerung, Experimente und Abbau entfällt. Danach priorisieren Sie innerhalb dieser Kategorien.
So vermeiden Sie, dass völlig unterschiedliche Vorhaben gegeneinander konkurrieren, als würden sie dasselbe Ziel verfolgen.
Eine Investition bringt selten sofort Rendite. Zunächst steigen Kosten, Zeit und Kapazitätsbedarf. Erst später entsteht Wert. Diese Entwicklung wird oft als J-Curve dargestellt: erst nach unten, dann durch einen Wendepunkt nach oben.
Für Portfolio Management ist diese Erkenntnis wichtiger, als oft angenommen wird.
Eine Horizon-1-Investition kann relativ schnell Wirkung zeigen. Eine Horizon-2-Initiative braucht in der Regel mehr Zeit. Horizon 3 ist mit mehr Unsicherheit verbunden und erfordert Geduld. Horizon Zero funktioniert anders: Hier investiert man in Abbau mit dem Ziel, später Ressourcen freizusetzen.
Wer seine J-Curves nicht kennt, reagiert zu früh auf Enttäuschungen oder hält zu lange an Hoffnungen fest. Beides ist teuer.
Portfolio-Teams müssen daher nicht nur fragen, was etwas kostet, sondern auch wann Wert voraussichtlich entsteht, für wen dieser Wert gilt und welche Signale zeigen, dass die Investition noch auf Kurs ist. Bei kommerziellen Angeboten gilt das auch gegenüber Kunden. Sie kaufen keine Lösung, sondern investieren in ihre eigene Rendite.
Das verändert die Natur des Gesprächs. Es geht weniger darum, Budgets zu verteidigen, und mehr um die Logik von Wertentwicklung über die Zeit.
Governance hat in vielen Organisationen einen schlechten Ruf. Es wird mit Verzögerung, Kontrolle und unnötigen Meetings assoziiert. Dabei sollte gute Governance genau das Gegenteil bewirken.
Gute Governance macht deutlich, innerhalb welcher Leitplanken Teams eigenständig handeln können. Sie schafft Klarheit über Entscheidungsspielräume, Risiken, Budgetgrenzen und Eskalationspunkte. Gerade bei Themen wie KI, Plattformentwicklung, Security und Architecture ist das kein bürokratischer Luxus, sondern eine Voraussetzung dafür, verantwortungsvoll Tempo zu machen.
Ohne Governance bauen Teams unbemerkt Risiken auf. Mit zu viel Governance kommt Bewegung zum Stillstand. Die Kunst liegt darin, Guardrails zu gestalten, die Orientierung geben, ohne jede Entscheidung zu zentralisieren.
Portfolio Epics, ART-Epics oder Solution Epics sind dann keine administrativen Labels. Sie sind Signale dafür, dass eine Investition groß genug ist, um auf der richtigen Ebene Aufmerksamkeit zu verdienen.
Governance soll dabei helfen, schneller und sicherer Wert zu liefern. Wenn das nicht gelingt, ist der Prozess selbst Teil des Problems.
Viele Organisationen budgetieren noch immer im Jahresrhythmus. Einmal im Jahr werden Entscheidungen getroffen, danach liegen Budgets weitgehend fest. Das reibt sich mit der Realität der digitalen Transformation. Märkte verändern sich schneller. Technologie verändert sich schneller. Interne Kapazitäten verändern sich schneller.
Participatory Budgeting kann helfen, diese Spannung zu reduzieren. Nicht als jährlicher Workshop, sondern als wiederkehrender Mechanismus, um Signale aus der Organisation aufzunehmen.
Der Wert liegt nicht nur im Ergebnis der Budgetzuweisung. Mindestens genauso wichtig ist, was der Prozess sichtbar macht. Manchmal zeigt sich, dass Mitarbeitende eine Initiative nicht finanzieren, weil sie diese zu wenig verstehen. Manchmal wird deutlich, dass ein breiterer Teil der Organisation andere Prioritäten sieht als das Executive Team. Manchmal entstehen bessere Gespräche, weil Annahmen explizit gemacht werden.
So wird Budgetierung keine Tabellenkalkulations-Übung mehr, sondern ein Weg, strategisch zu lernen.
Für Organisationen, die agiles Arbeiten ernst nehmen, ist das entscheidend. Agilität auf Teamebene bringt wenig, wenn Investitionsentscheidungen in einem trägen und starren Rhythmus feststecken.
Strategisches Portfolio Management dreht sich letztlich nicht um die Frage, wie Budget fair verteilt wird. Es geht darum, welche Veränderungsfähigkeit eine Organisation aufbauen will.
Dafür braucht es schärfere Entscheidungen. Nicht alles geht gleichzeitig. Nicht jede Initiative verdient denselben Maßstab. Nicht jedes Altsystem verdient noch einen Platz im Portfolio. Und nicht jedes Experiment muss vorab beweisen, was sich erst unterwegs lernen lässt.
Organisationen, die darin reifen, behandeln ihr Portfolio als lebendiges System. Sie treffen bewusstere Entscheidungen, investieren schrittweise, messen Fortschritt realistischer und stoppen früher mit dem, was zu wenig Nachweis liefert.
Das ist vielleicht weniger komfortabel als eine jährliche Projektliste. Aber es passt besser zur Realität, in der Organisationen heute operieren.
Die Frage ist also nicht, ob genug Pläne vorhanden sind. Die gibt es meistens. Die Frage ist, ob das Portfolio hilft, die richtige Zukunft möglich zu machen.
Das gesamte Webinar finden Sie hier:
Kontakt aufnehmen, wenn Sie über dieses Thema sprechen möchten.
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