

Jenseits der Buzzwords: Worum es bei Agile wirklich geht
Von Nico Schellingerhout und Jeroen Jan Elzinga Agile. Ein Begriff, der einst Transformation versprach – und heute oft nur noch


Leestijd
Dass Product Owners eine Zertifizierung absolvieren, ist in vielen Organisationen längst selbstverständlich. Scrum, SAFe und andere agile Methoden sind weit verbreitet und bilden für viele Fachkräfte die Grundlage ihrer Arbeit. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass eine Zertifizierung nur ein Ausgangspunkt ist. Die Herausforderungen, mit denen Product Owners täglich konfrontiert sind, drehen sich selten um die Theorie hinter einem Framework.
Diese Entwicklung war auch bei der Belastingdienst, der niederländischen Steuerbehörde, spürbar. Dort entstand der Wunsch nach einem Lernprogramm, das nicht erneut erklärt, wie ein Product Owner arbeiten soll, sondern Raum schafft, um die tägliche Praxis der Rolle zu reflektieren. Das Ergebnis war ein Product Owner Gym, in dem Praxiserfahrung, Intervision und professionelle Entwicklung im Mittelpunkt standen.
Der Ausgangspunkt war vertraut. Product Owners verfügen häufig über solides Wissen in Agile und SAFe, stoßen in der Praxis aber auf Fragen, für die es keine Standardantwort gibt. Wie schaffen Sie Fokus, wenn verschiedene Stakeholder unterschiedliche Interessen vertreten? Wie treffen Sie Entscheidungen, wenn die Kapazität begrenzt und der Druck der Organisation hoch bleibt? Welche Abwägungen machen Sie zwischen kurzfristigen Ergebnissen und nachhaltiger Verbesserung? Und wie stellen Sie sicher, dass ein Entwicklungsteam nicht nur viel leistet, sondern tatsächlich Mehrwert liefert?
Solche Dilemmata lassen sich in einem klassischen Zertifizierungstraining kaum bearbeiten. Zertifizierungen verfolgen ein anderes Ziel: Sie führen eine gemeinsame Sprache ein, erklären die Prinzipien eines Frameworks und sorgen dafür, dass Fachkräfte auf derselben Grundlage zusammenarbeiten. Gerade weil diese Basis bei den Teilnehmern bereits vorhanden war, wählte die Belastingdienst einen anderen Ansatz.
Im Product Owner Gym standen die eigenen Praxiserfahrungen im Mittelpunkt. Die Teilnehmer brachten aktuelle Fälle aus ihrem Arbeitsalltag mit. Die Gespräche drehten sich um Priorisierung, Stakeholder-Management, Abhängigkeiten zwischen Teams, die Zusammenarbeit mit Architektur und Business sowie die Frage, wie Product Owners in einer komplexen Organisation tatsächlich Einfluss ausüben können. Nicht um eine einzig richtige Lösung zu finden, sondern um verschiedene Handlungsmöglichkeiten miteinander zu vergleichen.
Auffällig war, dass viele Fragestellungen organisationsweit wiedererkennbar waren. Product Owners aus verschiedenen Bereichen der Belastingdienst stießen auf vergleichbare Dilemmata, obwohl sie an unterschiedlichen Produkten und Wertströmen arbeiteten. Wo der eine mit Entscheidungsfindung rang, kam der andere bei der Zusammenarbeit zwischen Business und IT nicht weiter. Hinter diesen Unterschieden lagen oft dieselben Muster: unklare Erwartungen, konkurrierende Prioritäten und die ständige Suche nach Balance zwischen strategischen Zielen und operativer Umsetzung.
Gerade der Austausch von Erfahrungen erwies sich für viele Teilnehmer als mindestens ebenso wertvoll wie die inhaltliche Begleitung. Durch den Einblick in die Entscheidungen der Kollegen entstand ein breiteres Bild der Möglichkeiten, die die Rolle des Product Owner bietet. Die Gespräche drehten sich dadurch weniger um die Frage, wie Scrum oder SAFe etwas vorschreiben, und häufiger um die professionellen Abwägungen, die in einer komplexen Organisation nötig sind, um voranzukommen.
Der Trainer übernahm dabei eine andere Rolle als in einer klassischen Weiterbildung. Nicht als Dozent, der Wissen vermittelt, sondern als erfahrener Praktiker, der vergleichbare Situationen aus anderen Organisationen kennt und hilft, Muster sichtbar zu machen. Der Mehrwert lag nicht im Geben von Antworten, sondern im Stellen der richtigen Fragen, im Spiegeln von Erfahrungen und im Verbinden von Erkenntnissen aus verschiedenen Organisationen.
Der Product Owner Gym bei der Belastingdienst ist kein Einzelfall. Sowohl in öffentlichen als auch in privaten Organisationen wächst das Interesse an Programmen, die sich auf Rollenentwicklung konzentrieren statt ausschließlich auf Zertifizierung. Während Zertifizierungen vor allem einen gemeinsamen Referenzrahmen schaffen, richten sich diese Programme an die tägliche Praxis von Fachkräften, die ihre Rolle bereits ausüben. Das gilt nicht nur für Product Owners, sondern auch für Scrum Master, Release Train Engineers, Business Owners und Epic Owners.
Diese Verschiebung passt zu einer breiteren Entwicklung in der Organisationsentwicklung. In den vergangenen Jahren lag der Schwerpunkt stark auf der Einführung von Frameworks. Inzwischen rückt zunehmend die Qualität in den Vordergrund, mit der Rollen ausgefüllt werden. Organisationen stellen fest, dass dieselbe Methode in verschiedenen Teams zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann, je nach Erfahrung, Entscheidungsfreude und Zusammenarbeit der Menschen in diesen Rollen.
Für Product Owners bedeutet das, dass professionelle Entwicklung immer weniger als einmalige Weiterbildung und immer mehr als kontinuierlicher Prozess gesehen wird. Professionalität entsteht nicht allein durch den Erwerb von Wissen, sondern vor allem durch das Teilen von Erfahrungen, das Besprechen von Dilemmata und das gemeinsame Reflektieren über komplexe Situationen aus der täglichen Praxis.
Genau darin liegt der größte Mehrwert rollenorientierter Lernprogramme. Nicht als Alternative zur Zertifizierung, sondern als logischer nächster Schritt für Fachkräfte, die die Theorie beherrschen und sich in der Rolle, die sie täglich ausfüllen, weiterentwickeln möchten.
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Von Nico Schellingerhout und Jeroen Jan Elzinga Agile. Ein Begriff, der einst Transformation versprach – und heute oft nur noch


Eine Zusammenfassung des Webinars: Strategisches Portfolio Management – was Organisationen von den VCs aus Silicon Valley lernen können. Vom 17.


Sie sehen den Preis für eine SAFe-Schulung und denken: „Ernsthaft? Für zwei Tage Training?“ Das ist eine normale Reaktion (und


Veränderung muss weder schwer noch kompliziert sein. Mit dem richtigen Fokus, Energie und der passenden Begleitung entstehen Klarheit, Richtung und Ergebnisse.
Wir denken gerne mit dir mit.